Autorin: Henrike Boy, 2018

Mit YouTube und co. stark und kreativ werden

Methoden zur Persönlichkeitsentwicklung und Förderung der Kritikfähigkeit

Auf YouTube und Instagram finden junge Jugendliche, was sie wünschen: Hilfestellungen bei der Bewältigung ihrer Alltagsprobleme, dazu das Neuste aus der Beauty-, Mode- und Konsumwelt sowie Tipps und Tricks zu angesagten Games und Apps. Die Social Media Stars haben großen Einfluss auf ihre Follower, nicht zuletzt weil sie als eine Art „Freunde“ auf Augenhöhe wahrgenommen werden. Als Influencer bieten sie ihren Fans in vielerlei Hinsicht Anregung und Inspiration, viele von ihnen sind jedoch fragwürdige Vorbilder, geht es doch in ihren Beiträgen ständig um Konsum und den schönen Schein. Nicht selten nutzen sie ihre Glaubwürdigkeit bei ihrer jugendlichen Fangemeinde für kommerzielle Zwecke. Zur hemmungslosen Selbstvermarktung mit (unmarkiertem) Product Placement, bei dem auch höchst Privates öffentlich gemacht wird, grauenvollen Rollenbildern mit höchst fragwürdigen Stereotypen gesellen sich auch immer wieder bedenkliche Aussagen zu gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Genügend Stoff also, um lebensweltorientiert Erfahrungen und Einflüsse von Idolen und Idealen auf den Social Media Plattformen zu hinterfragen.
Was können Pädagogen tun, um die Medienkompetenz der Jugendlichen in diesem Themenfeld zu unterstützen? Wie lernen Jugendliche ihre eigenen Positionen und die ihrer Social-Media Helden zu reflektieren und sich dabei mit Themen wie beispielsweise der Gleichberechtigung der Geschlechter, gesellschaftlich und persönlich relevanten Werten oder dem Sozialverhalten im Netz zu beschäftigen?
Wesentliche Voraussetzung der pädagogischen Arbeit ist dabei ein Dialog auf Augenhöhe, bei dem die Jugendlichen mit ihren Bedürfnissen, Interessen und Kenntnissen ernstgenommen werden. Es geht darum jungen Leuten zuzuhören, ihre Aussagen nicht abzuqualifizieren, Ihnen Impulse zum Austausch, zur kontroversen Diskussion und zur Eigenproduktion und Teilhabe zu bieten.
Im Folgenden möchten wir nun einige Methoden und Ansätze vorstellen, wie man mit spielerischen Methoden und ohne erhobenen Zeigefinder zu kritischen Aspekten der Sozialen Medien, gerade im Hinblick auf das Spektrum unterschiedlicher YouTube und des Influencer-Phänomens, mit Jugendlichen ins Gespräch kommen kann. Danach wollen wir vorstellen, wie ein erfolgreiches Format auch für andere Inhalte genutzt werden kann, in diesem Fall zur Selbstreflexion und Entwicklung des kreativen Selbstausdrucks.

Das Spektrum erweitern

Simpel, oberflächlich und geschmacklos, aber auch frech, klug und witzig – das Spektrum der Youtuber mit ihren Kanälen ist breit; für jeden Geschmack und Intelligenzquotienten finden sich zahlreiche Angebote, wobei originelle Produktionen in den Tiefen der Videoplattform schwer zu finden sind. Und auch auf Instagram lassen sich doch bisweilen ein paar ästhetisch und inhaltlich anspruchsvolle Perlen finden
Raus aus der Filterblase! In digitalen Zeiten, in denen wir uns rund um die Uhr ausschließlich mit Medienangeboten und News beschäftigen können, die unserem Weltbild und einer uns bekannten Machart entsprechen, ist es immer befruchtend neue Impulse zu bekommen. Jugendliche stellen sich im Jugendzentrum ihre Lieblings-Stars mit ihren Videos auf den Plattformen vor oder – am besten realisierbar in Schulklassen oder Workshopgruppen – recherchieren spannende, originelle Künstler auf YouTube und Instagram. Und wenn die Erwachsenen die Angebote der Jugendlichen nicht abqualifizieren und selber Sachkenntnis haben, können sie den Jugendlichen auch ihre Favoriten vorstellen und ihnen beispielsweise frische Clips der Datteltäter oder von Coldmirror präsentieren.

Bewusstsein schärfen

Wahrheit und Lüge, Kommerzialität, der konstante Wettbewerb um das schönste Produkt, schönste Bild, die zum Teil unsäglichen Rollenbilder, Fragen der Erlösgenerierung und der Zuschauerbindung – es gibt eine Fülle an Diskussionsthemen mit Jugendlichen. Hier ein paar Methoden, die sich in der Arbeit mit Jugendlichen bewährt haben:
Viral oder Egal: Klickhit oder Videoloser. Das Team von Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ hat das Format erfunden: Eine Rateshow mit typischen YouTube-Videos, mit lustigen Tieren, Stimmenimitatoren, Pleiten, Pech und Pannen. Wie viele Klicks haben die Videos jeweils? Die Videos können von Pädagogen, aber natürlich auch von den Jugendlichen zusammengestellt werden. Macht garantiert Spaß, lässt staunen über die weite Social-Media-Welt und kann vielfältige Diskussionen – z.B. über ethische Fragen – anregen. Das Quiz lässt sich natürlich auch auf Instagram übertragen.
Soziometrische Übung: Sie überlegen sich 10 Fragen, bei denen kontroverse Antworten zu erwarten sind: z.B. „Ich halte Bianca Heinecke von Bibis Beauty Palace für ein problematisches Vorbild für Jugendliche“ oder „YouTube unterstützt keine werbeunfreundlichen Inhalte mehr (viele YouTuber können kein Geld mehr durch Werbung verdienen) – ist das Zensur?“ „Wie schätzt du den Einfluss von Instagramern auf deine Vorstellung von Schönheit ein?“ Am Veranstaltungstag kleben sie dann mit Kreppband eine lange Linie, an deren Ende sich jeweils ein Plus (+ = stimme zu) und ein Minus (- = stimme nicht zu). Nach jeder Frage verteilen sich die Teilnehmenden auf dieser Linie; die Frage an Teilnehmende an den Polen oder in der Mitte, warum sie sich dorthin platziert haben, führt unweigerlich zur Diskussion.
Unter Einfluss – Kahoot Quiz: Kahoot (http://kahoot.com) ist ein interaktives Quiztool für eine größere Gruppe. Die Fragen werden vom Pädagogen mittels Beamer an die Wand geworfen und die Schüler können mit ihren mobilen Endgeräten antworten. Der Punktestand der Teilnehmenden wird nach jeder Frage sichtbar. Ein Quiz zu erstellen, braucht ein wenig Zeit, ist aber immer wieder verwendbat und kommt bei Jugendlichen sehr gut an. Es sollten Fragen entwickelt werden, durch die Wissen erweitert und Einstellungen überprüft werden. Einige Beispiele: „Wer hat weltweit die meisten Follower auf Instagram?“ „Influencer sind beliebte Werbeträger bei Warenherstellern . Welche Gründe gibt es dafür?“ Man kann Fake Accounts kaufen. Woran kann man erkennen, dass Follower echt sind?“

Kritisieren und Produzieren

Aktive Medienarbeit ist immer wieder eine gute Methode zur Reflektion über Medien und Mediennutzung. Gerade das Faken, Parodieren und Persiflieren macht Jugendlichen viel Spaß. Um erfolgreich produzieren zu können, müssen aber auch vielfältige Kenntnisse erworben werden. Vor der Umsetzung eines Formates und Themas – seien es die Produktion eines Comedy- oder Let´s Play-Clips oder auch Fake-Instagram Account – stehen vielfältige Fragen im Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Beispielhafte Produktionen werden unter die Lupe genommen, Inhalte, Machart und Wirkungen hinterfragt, Muster und Stilmittel herausgearbeitet.
Beim 13. Spinxx-Kritikergipfel zum Thema „YouTube“ befassten sich die jungen Medienkritiker in Workshops, Panels und der Video-Lounge mit ihren Videostars. Neben einer Doku „Auf den Spuren einer Bloggerin“, einem Musikclip oder einem Let´s Play Video produzierten sie auch eine Persiflage In „Wie werde ich ein YouTube Star“ zeigten sie dabei, wie ein langweiliges Unboxing-Video in fünf Schritten (durch den Einsatz von krassen Namen, Action, Jump Cuts, Effekten und jeder Menge Werbung) trashig-hip wird. Neben Fun haben sie eine ganze Menge über die Mechanismen von YouTube erfahren. (https://www.youtube.com/watch?v=DidFO-IQ_yA)

Erfolgreiches Format – andere Inhalten

Fake News, Hatespeech, rassistische Angebote, fundamentalistische Ansätze… werben bei YouTube und Instagram um Aufmerksamkeit und bieten vermeintlich Orientierungen. Die globale Verflechtung durch die Digitalisierung der Lebenswelten erfordert eine Stärkung der Fähigkeiten, sich in dieser unübersichtlichen Lage zurechtzufinden und Beeinflussungen kritisch zu hinterfragen. Lange Schulzeiten und „always on“ verstricken junge Menschen in ständigem Aktionismus und fortwährender Ablenkung, für Selbstwahrnehmung und Orientierung fehlt oftmals Ruhe, Selbstvertrauen und die richtigen Vorbilder.
Bei dem Projekt „Die Kreativhelden“ geht es daher darum, bei Jugendlichen eine tiefgehende Selbstreflexion in Bezug auf ihre Werte und Interessen anzuregen. Über kreativitätsfördernde Methoden finden sie heraus, welche Themen sie interessieren, wofür sie (wirklich) stehen und wie sie es ausdrücken wollen. Dies soll dazu führen, sich über die Einflüsse der sozialen Netzwerke auf das eigene Selbst bewusst zu werden und sich ggf. von gewählten Gruppierungen zu distanzieren.

Kreativheld*innen kennen sich selbst und sind selbstbewusst. Kreativheld*innen kennen ihre Werte und Ziele. Kreativheld*innen können kreativ mit Social Media umgehen. Kreativheld*innen können mithilfe ihrer Kreativität Lösungen finden und sich weiterentwickeln.

In dem Projekt werden die jungen Menschen zu Kreativheld*innen „ausgebildet“. Kreativheld*innen sind keine „normalen Influencer“, sondern junge Menschen, die YouTube für ihre Interessen und ihre Werte kompetent und reflektiert nutzen.
Aktuell beobachten wir, dass sich Jugendliche im Netz teils extrem leidenschaftlich, “moralisch”, und auch wenig durchdacht in Bezug auf Werte äußern. Da geht es z.B. um unterschiedliche Auffassungen von Ehre, undifferenzierte Be- und Abwertung von Verhalten (Cybermobbing) und polarisierte Einstellungen zu Fragen von Religion, Lebenssinn und Moral. Hinter der Vehemenz der Äußerungen zeigt sich oft Unsicherheit und der Wunsch nach Orientierung.
Die Themen, mit denen die Jugendlichen sich beschäftigen – teils ohne sich dessen aktiv bewusst zu sein – sind: Selbstfindung und Selbstdarstellung, Reflexion, Kreativität, Persönlichkeitsentwicklung und Berufs- sowie Lebensziele. Dafür dienen die projekteigenen YouTube- und Instagram-Channel, die von den Jugendlichen befüllt werden.
Die Verwendung von Social Media spielt bei dem Projekt eine ausschlaggebende Rolle. YouTube und Instagram dienen als pädagogisches Mittel, um mit den Teilnehmer*innen gemeinsam Content zu den oben genannten Themen zu erarbeiten. Social Media fungiert dabei dann nicht nur als Motivator sich mit sich selbst zu beschäftigen, sondern auch als Möglichkeit, um technisches Wissen und Handlungskompetenz zu erlangen. Auf der Inhaltsebene reflektieren die Teilnehmer*innen sich selber, auf der Kompetenzebene erleben sie sich in der Produktion und im Umgang mit Social Media professionell, souverän und sicher.

Entwicklung einer eigenen Position:

Was ist mir wichtig? Warum? Wie entstehen Werte? Wer bin ich (in Abgrenzung zu anderen)? Wie sollen andere mich sehen? Und wer will ich sein? Was sind meine Träume und Ziele? Umgesetzt mit sozialpädagogischen Methoden wie kreatives Schreiben, malen, Fotografie, spielerischen Aktionen, Gesprächen/Diskussionen, Rollenspiele, Selbsterfahrungen, Methoden zur Selbst- und Fremdwahrnehmung.
Unserer Wahrnehmung bzw. unseren Recherchen nach werden Themen rund um Selbstvertrauen, Persönlichkeitsentwicklung und Wachstum mittlerweile in Form von Meditationskursen und Achtsamkeitsworkshops zwar intensiv an Erwachsene vermittelt (bspw. in diversen Vlogs und/oder Podcasting-Blogs¹), allerdings wenig bis kaum an Kinder und Jugendliche.
Daher erarbeiten die Kreativheld*innen des Projekts eigene YouTube-Videos. Von der Erarbeitung der Inhalte zu Themen wie Stress, Selbstbewusstsein oder persönlicher Weiterentwicklung bis hin zur Produktion und Nachbereitung des Videomaterials. Dadurch vermittelt das Projekt auch Wissen über den Umgang mit Social Media:

  • Was muss ich (persönlich) beachten, wenn ich mich in sozialen Netzwerken zeige? (rechtliches, Cybermobbing, Big Data etc.)
  • Wie erstelle ich hochwertigen Content?
  • Wie funktioniert Social Media eigentlich? (Reichweite, Abos, Werbung, Klicks, Fake Accounts usw.)

Die Ergebnisse sind unter https://www.youtube.com/channel/UCIE18Q2BDpd28HP6sxon-zQ und https://www.instagram.com/diekreativhelden/ einzusehen. Doch wie wird das konkret in der Praxis umgesetzt?

Mit medienpädagogischen Methoden…

Eine beispielhafte Einstiegsmethode mit dem Titel „How to be a influencer“ besteht darin, dass sich die Jugendlichen (meistens) zum ersten Mal in ihrem Leben in eine „richtige“ Videokulisse stellen. Zwei Kameras, drei große Scheinwerfer, ein Mikrophon… Hier werden neue Rollen durchlebt und anschließend reflektiert. Wie hab ich mich dabei gefühlt? War es unangenehm oder hab ich mich wohl gefühlt? Hab ich mich geschämt oder gefreut so im Mittelpunkt zu stehen? Was hab ich zu sagen und was würde ich gerne anderen mitteilen? Dabei geht es nicht nur um die Rolle des „Influencers“, der vor der Kamera steht, sondern ebenso um die Rolle des Regisseurs, des Kameramanns/der Kamerafrau und des/r Tontechnikers*in.

Da digitale Medien ein zentraler Weg und gleichzeitig Werkzeug sind, Werte und Orientierungen zu transportieren, zu manipulieren und zu kommunizieren, nehmen sie eine zentrale Rolle im Projekt ein.
YouTube fungiert im Projekt als pädagogisches Medium für den kreativen Selbstausdruck und hilft den Jugendlichen, sich mit ihren persönlichen Werten und Potenzialen zu beschäftigen. Über die zwei Rubriken #heldsein und #kreativsein werden im zweiwöchentlichen Rhythmus Inhalte an die junge Community vermittelt.

Jugendliche werden von uns dabei unterstützt, Kreativität in den Dienst ihrer eigenen Interessen und Sehnsüchte, ihres eigenen Mitgefühls und Engagements zu stellen, ihre Kreativität also „von innen heraus“ zu stärken.
Die angesprochenen Themen haben meistens keine oder nur sehr wenig Anknüpfungspunkte in (schulischer) Bildung und/oder Erziehung. Sobald bei den jungen Menschen die ersten Hemmschwellen gefallen sind, blühen sie hinter der Kamera auf, probieren sich aus und fühlen sich gesehen im Rampenlicht. So entstehen Kreativheld*innen.

Schließlich lässt sich an das bei Jugendlichen erfolgreichen Formate für die pädagogische Arbeit anknüpfen. Das heißt, man produziert mit Jugendlichen andere Inhalte , aber mit derselben Machart. – Learning by doing : z.B. bei jfc Projekt Kreativhelden geht es um die Persönlichkeitsentwicklung (Heldsein) und die Förderung des eigenen kreativen Potenzials (Kreativsein) der beteiligten Jugendlichen. Mit Workshops, aber vor allem auch den YouTube-Videos finden Jugendliche heraus, was sie können und was ihre kreativen Möglichkeiten sind. Und entwickeln nebenbei (kritische) Social Media Kompetenzen.

1 https://happydings.net/2017/05/22/10-inspirierende-webseiten-die-du-kennen-solltest